Interview mit Gabriele Seebauer

Seit 55 Jahren wird auf unserem Hof Gemüse biologisch angebaut. Heinrich Bursch hat 1994 für seine Pionierarbeit für die Biobranche das Bundesverdienstkreuz bekommen. Die Kinder von Heinrich lenken heute die Geschicke des Familienbetriebs. Ohne die vielen Mitarbeiter wäre der Betrieb nicht der Biohof Bursch, wie er sich heute darstellt. Die Mitarbeiterin mit der längsten Betriebszugehörigkeit ist Gabriele Seebauer. Mit Ihr haben wir über Ihre Arbeit und den Biohof gesprochen.

Biohof Bursch: Gabi, du bist die Mitarbeiterin, die am längsten auf dem Biohof Bursch angestellt ist. Wie ist dein Werdegang bei uns?

Gabi Seebauer: Ich arbeite seit 25 Jahren hier auf dem Hof. Ganz zu Anfang habe ich im Hofladen gearbeitet. Als es dann mit den Märkten in Köln losging, hat Heinz mich gefragt, ob ich einen Markt machen wollte. Mit den Märkten angefangen habe ich in Köln auf dem Rudolfplatz, kurze Zeit später sind wir dann nach Refrath gekommen. Ich bin immer 2-3 Tage pro Woche auf die Märkte gefahren. Es sind auch schon mal 4 Tage gewesen, aber das war die Ausnahme. Seit kurzem fahre ich als Leiterin mittwochs auf den Markt nach Bonn auf den Martinsplatz.

BB: Was ist heute anders als früher?

Gabi: Heutzutage sind wir organisierter. Wir arbeiten fundierter. Insgesamt würde ich sagen, dass die Arbeit etwas entspannter ist. Damit meine ich auch, dass es körperlich nicht mehr so anstrengend ist wie früher.

BB: Und hat sich auch die Kundschaft verändert?

Gabi: Früher waren die Kunden interessierter, neugieriger am Stand. Damit meine ich aber nicht, dass Information nicht mehr gefragt ist, aber unsere Kunden sind nicht mehr auf uns Marktleute angewiesen, um an das zu kommen, was sie wissen wollen. Wir mussten früher den Hof erklären. Wir waren das Gesicht vom Hof. Oft sind Christian Listner (ein Kollege; Anmerkung Redaktion) und ich als Herr und Frau Bursch angesehen worden. Heute stellt sich der Hof generell anders dar. Die Führungen auf dem Hof haben daran einen großen Anteil. Die Kunden erfahren auf dem Hof, wo und wie das Gemüse wächst, das sie bei mir kaufen.

BB: Wenn Du Kunden seit 25 Jahren kennst, entstehen doch bestimmt Kontakte, die über einen Marktkontakt hinausgehen, oder?

Gabi: Natürlich ist der Markt in erster Linie zum Verkaufen da. Aber mit der Zeit lernt man sich so gut kennen, dass ich auch schon mal Ratschläge auf anderen Gebieten gebe, wenn ich danach gefragt werde.

Es ist wunderschön, Kunden seit 20 oder sogar 25 Jahren zu kennen. Ich habe miterlebt, wie Kunden zu Paaren wurden, wie sie geheiratet haben, wie die Kinder dazu kamen. Ich habe viele Familiengeschichten begleitet. Diese Kunden zu kennen, hat eine ganz eigene Wertigkeit. Und das spiegeln mir auch die Kunden. Es gibt welche, zu denen ich so einen intensiven Kontakt habe, dass ich abseits der Arbeit mit Ihnen telefoniere, und dann geht es nicht um Gemüse.

BB: Du arbeitest auf unseren Märkten, hast aber studiert.

Gabi: Ich habe Psychologie studiert. Am Ende meines Studiums war mir aber schon klar, dass ich nicht als Psychologin arbeiten wollte. Ich habe stattdessen begonnen, im Hofladen zu arbeiten, und später dann eben auf den Märkten.

BB: Heute fahren wir auf städtische Märkte und auf reine Biomärkte.

Gabi: Als wir damals mit den Märkten angefangen haben, sind wir nur auf Biomärkte gefahren. Die Biomärkte haben sich ja aus einem Umweltprojekt der Stadt Köln entwickelt. Dieses Projekt war für nur ein Jahr angelegt. Und jetzt gibt es die reinen Biomärkte in Köln schon über 24 Jahre.

BB: Auf dem Markt hast du immer KollegInnen. Wie gestaltet sich dieses Miteinander?

Gabi: Wichtig für meine Arbeit ist das gemeinsame Verkaufen. Wenn ich arbeite, halte ich meine Öhrchen gespitzt. Wie oft habe ich schon von anderen KollegInnen etwas gehört, was ich selbst vorher nicht wusste. Aus diesem Grunde ist es auch immer wieder bereichernd, wenn neue Kollegen dazu kommen. Ich lerne von diesen jungen Menschen, und das ist wunderbar. Einfach so, nebenbei. Herrlich. Verschiedene Generationen haben verschiedene Lebenswelten, und das teilen wir. Insgesamt ist es ein gemeinschaftliches Tragen.

BB: Du hast vor kurzem die Teamleitung auf einem Markt übernommen. Auf was legst du besonderen Wert?

Gabi: Morgens den Marktstand aufzubauen, so dass es aussieht wie ein gedeckter Tisch. Die Kunden sollen Lust und Appetit bekommen, Obst und Gemüse bei uns am Stand zu kaufen.

Ich will gerne gute Stimmung am Stand haben. Ich glaube, das wirkt auf die Stimmung vor dem Stand. Das schwappt rüber. Genau so geht das auch in die andere Richtung. Lustige, freundliche, ehrliche Kunden können mich auch begeistern und mir die Arbeit erleichtern.

BB: Was macht eigentlich eine gute Verkäuferin aus?

Gabi: Was eine gute Verkäuferin ausmacht? Ganz spontan: Zuhören! Ja, ich muss zuhören können. Ich muss wissen, was der Kunde sich wünscht, und dafür muss ich ihm erstmal zuhören, das steht an erster und oberster Stelle. Ich suche nach dem, was der Kunde wünscht. Und dann natürlich Sorgfalt. Das gilt für den Aufbau, aber auch für alles andere. Ein Stand muss immer wieder geordnet und optisch beruhigt werden und immer – auch kurz vor Schluss – schön anzusehen sein. Sorgfalt auch in den kleinen Dingen. Ich möchte eine Spitztüte sorgfältig verschließen. Das trägt alles zu Qualität bei. Mir fällt da ein alter Spruch ein: Qualität ist, wenn der Kunde zurückkommt, nicht die Ware.

BB: Du arbeitest seit 25 Jahren auf unserem Hof. Hast du Bio verinnerlicht?

Gabi: Ich esse Bio, ich arbeite Bio, ich lebe Bio. In meiner Küche habe ich ein kleines Herz mit einem Spruch darauf über dem Herd hängen, und der ist so ein bisschen mein Spruch: man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen. Das finde ich sehr schön. Mich begleitet dieser Spruch bei meinem Tun. Und mit dieser Einstellung verkaufe ich auch.

Weil ich selbst jeden Tag koche, weiß ich auch immer, was es gerade gibt und was wie schmeckt. Ich möchte einfach wissen, was ich verkaufe. Das Probieren gehört unbedingt dazu. Ich will den Kunden sagen können, wie die Orange gerade schmeckt. Ist sie eher süßlich oder hat sie eine willkommene Fruchtsäure. Das will ich den Kunden sagen können.

BB: Woher kommt Dein Bezug zu Bio?

Gabi: Ich bin mit Landwirtschaft groß geworden. Und damit meine ich nicht nur, dass ich gesehen habe, wie die Bauern aufs Feld gefahren sind, sondern ich bin selbst mitgefahren. Da wurden Kaffee und Kuchen eingepackt und auch meine Schulsachen. Während dann die Erwachsenen auf dem Feld arbeiteten, saß ich als Kind unter einem Baum und habe meine Hausaufgaben gemacht. Und dann haben wir gespielt, z.B. Fangen und Verstecken zwischen Bohnenstangen. Das war für mich ganz normal. Ich habe es geliebt, mit auf dem Trecker zu sitzen und die Erde zu riechen, wenn der Pflug sie gerade umgeworfen hat. Das sind ganz intensive, fast elementare Eindrücke und wunderbare Erinnerungen. Und: Ich habe mich eine Zeit lang sehr intensiv mit Homöopathie und Schüssler-Salzen beschäftigt. Ich mag es, dass die Beschäftigung damit eine Entsprechung in der biologisch -dynamischen Landwirtschaft findet.

BB: Trägt sich das weiter bis auf Deinen Marktstand?

Gabi: Einkaufen bei mir hat ganz viel mit Vertrauen zu tun. Die Kunden können mir vertrauen, dass ich Ihnen gute Lebensmittel verkaufe. So ein Einkauf auf dem Markt hat ja ganz viel mit Sinneswahrnehmung zu tun. Das ist ein Erlebnis und ist in erster Linie eine Sache der Emotion. Kognition steht da ganz hinten in der Reihe. Bio einkaufen ist etwas, was positiv bei den Kunden andockt. Auch wenn ich mich wiederhole: es geht um Gutes für Leib und Seele.

BB: Was gefällt Dir besonders gut am Markt?

Gabi: Die frische Ware so aufzubauen, dass es Spaß macht, den Stand zu betrachten, das bereitet mir Freude. Die Ästhetik ist mir ganz wichtig. Wenn es auf der Arbeit schön ist, dann macht es mir Lust zu arbeiten und dann bin ich zu Hause. Das ist dann ein bisschen mein Wohnzimmer.

BB: Sehen die Kunden das?

Gabi: Ich glaube, dass wir auf dem Markt – neben dem Vertrauen – eine gewisse Beständigkeit darstellen. Wir sind keine Flippi-Typen. Neues hält Einzug bei uns, aber trotzdem bleiben wir bei dem, was gut ist. Ich meine, das strahlt auf alles ab. Ich habe mal einen Spruch von Ghandi gelesen, der sich mir eingeprägt hat: „Was wirklich gut ist, ist auf allen Ebenen gut.“ Das ist so ein Gedanke, mit dem ich manchmal einer gewissen Routine, die sich einschleichen kann, etwas entgegensetze. Zu dem Guten gehört auch die Sorgfalt. Die Sorgfalt habe ich als Kind gelernt. Meine Tante hatte einen Tante-Emma-Laden. Da war ich oft. Meine Tante hatte diese Sorgfalt. Da, wo der Laden früher war, ist heute mein Wohnzimmer. Tja, ich habe zwei Wohnzimmer, und in das eine dürfen auch die Kunden.

BB: Du kannst auf 25 Jahre Erfahrung zurückgreifen. Wie siehst du die Entwicklung des Hofes?

Gabi: Ich empfinde es als sehr positiv, wie sich der Hof entwickelt hat. Er geht mit der Zeit. Und ich finde schön, wie Kunden bei dieser Entwicklung mitgehen. Z.B. bei der Frage nach den Plastiktüten. Wir haben sehr dafür gekämpft, die Plastiktüten abzuschaffen. Weil wir sehr bewusste Kunden haben, ist uns das fast ganz gelungen. Das ist schön, solche Entwicklungen zu erleben, auch wenn wir unsere Kunden ein wenig – ich sag mal – schuppsen mussten. Veränderung ist ja immer spannend. Früher hatten wir im Laden Bedienung. Aber das ist heute nicht mehr zeitgemäß. Es ist richtig, dass die Kunden im Laden das Gemüse selbst aussuchen können. Und dass man heute ganz gemütlich im Hofcafé unter den Birnenbäumen einen Kaffee trinken kann, das finde ich sehr schön.

BB: Jetzt hast du die Gegenwart angesprochen. Gehen wir nochmal zurück in die Vergangenheit. Hast du Heinrich Bursch, der den Betrieb 1964 auf Bio umgestellt hat, noch kennengelernt?

Gabi: Heinrich Bursch habe ich schon als Jugendliche vor meinem Studium kennengelernt. Er war mir sehr sympathisch. Ich erinnere mich, dass Heinrich damals auch schon Führungen angeboten hat. Und weil er keinen Raum hatte, wo er sich mit vielen Leuten hinsetzen konnte, ist er in das Sälchen meiner Schwiegermutter gekommen. Sie hatte damals eine kleine Gastwirtschaft. Ich habe – ich war schon Studentin – beim Servieren ausgeholfen. Und dann saßen die Leute da. Heinrich hat seinen Vortrag gehalten und die Zuhörer haben mitgeschrieben. Heinrich konnte toll sprechen und gut erzählen. Im alten Laden auf der Schmiedegasse bin ich oft einkaufen gewesen. Ich kann sagen, Heinrich und ich waren uns sehr grün.

BB: Da warst du ja mitten drin im Bio.

Gabi: Die Familie Bursch gehört seit meiner Kindheit zu meinem Leben dazu. Der Bursch hieß im Dorf „De Biobursch“. Ich habe die Familie miterlebt. Wie Renate weggegangen ist nach Mexiko und irgendwann wiederkam. Wie ich mit Irene zusammen auf den Märkten verkauft habe. Irene ist früher noch LKW gefahren. Ich habe mitbekommen, wie Heinrich Bursch damals das Bundesverdienstkreuz für seine Pionierarbeit in der Biobranche bekommen hat. Ja, Heinrich war wirklich ein Pionier. Ich kann mich erinnern, dass Heinz Bursch später, als er den Hof dann übernommen hatte, ihn umbenennen wollte. Da hat er mich gefragt, was ich davon halte. Dass er immer schon der Biobursch geheißen hat und dass ich es dabei belassen würde, habe ich ihm gesagt. So ist es auch heute noch: Biohof Bursch. Ich kann sagen, dass ich zu den Burschs als Familienbetrieb eine feste Verbindung habe. Wir sind gemeinsam durch viele Aufs und Abs gegangen – das verbindet.

BB: Das klingt nach Geschichten. Hast du eine?

Gabi: Ich erinnere mich, dass wir in den Anfangszeiten einen LKW hatten, der keine Heizung hatte. Wenn wir dann im Winter auf die Märkte gefahren sind, haben wir uns vorne im Führerhaus warme Decken über die Kniee gelegt. Einmal – auch so eine Erinnerung – haben die mich vergessen. Ich hatte den Stand abgebaut, alles zusammengeräumt und sollte abgeholt werden, aber es kam niemand. Es gab noch keine Handys und so dauerte es abends von sechs bis halb zehn, bis endlich jemand kam, mich zu holen. Solange musste ich einfach warten.

BB: Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Es bleibt aber das frühe Aufstehen und im Winter die Kälte. Kein Problem?

Gabi: An Markttagen stehe ich immer früh auf. Ich brauche morgens meine Zeit. Ich möchte gerne in Ruhe den Tag beginnen. Ich möchte pünktlich auf der Arbeit sein und entspannt beginnen können. Die Kälte im Winter war für mich nie ein Problem. Gegen Kälte kann man sich kleiden. Wichtig: Wolle, viele Schichten, warme Schuhe. Die Hände kann man schützen. Frieren auf der Arbeit ist nicht gut. Ich meine, wer friert, kann sich nicht auf die Arbeit konzentrieren.

BB: Was wünschst du Dir für den großen Bereich Bio?

Gabi: Ich wünsche, dass mehr Leute von Bio profitieren können. Ich habe schon immer mit viel Aufmerksamkeit beobachtet, dass Studenten oft an unseren Stand kommen, und sich hauptsächlich Obst und Gemüse aus dem Angebot kaufen. Das können sie sich leisten und denen ist es wichtig, Bio einzukaufen.

BB: Hast du nie die Nase voll gehabt von Bio? Und was wünschst Du Dir für Dich?

Gabi: Ich wollte nie meinen Job an den Nagel hängen. Natürlich gab es mal bessere und mal schlechtere Arbeitsphasen, aber das hat mich noch nie denken lassen, ich müsse meine Arbeit drangeben. Und wenn es nach mir geht, kann das auch gerne so bleiben. Ich möchte noch lange auf dem Markt verkaufen. Ich wünsche, dass es Bursch gut geht, denn das ist auch gut für uns alle, die hier ihre Arbeit haben. Ich wünsche mir, dass ich gut mit anderen auskomme und dass ich noch lange Zeit hier arbeite.

BB: Gabi, vielen lieben Dank für dieses Gespräch!

Gabi: Sehr gerne.

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